Der Eremit Bernhard Glaswinkler

Durch mein Interesse an der Familienforschung stieß ich schon sehr früh zum Heimatverein Aichach, dessen Vorsitzender zu dieser Zeit Herr Karl Leinfelder war. Durch ihn kam ich an das Buch „Die Chronik des oberen Leitzachtales“. Hierin sind auf drei Seiten die Tätigkeiten des Eremiten Bernhard Glaswinkler als Schullehrer und Organist im Wallfahrtsort Birkenstein beschrieben. Die Chronik wurde von Herrn Josef Brunhuber, Elbach geschrieben und 1928 von den Gemeinden Fischbachau und Hundham verlegt.
Nachstehend ein Auszug aus den Berichten über den Eremiten Bernhard Glaswinkler.

Chronik des oberen Leitzachtales S. 550

Schon vor Pösl wirkte kurze Zeit der Klausner Fr. Bernhard Glaswinkler. (Glaswinkler war 1747 in Ellbach bei Tölz geboren als Sohn eines Bauern. 1784 war er in Steinhöring bei Ebersberg, von 1802 bis 1809 treffen wir ihn wieder bei der Kapelle.) Am 28. und 29. August 1769 stellte er sich in St. Emmeram bei Oberföhring der Eremiten Kongregation zur Prüfung. Der Prüfungsentscheid lautete: Weilen der Candidat dem Ansehen nach ein frommer Mensch und in Erlernung der Musik begriffen, so ist ihm das Promissum auf das Jahr zu geben. (Heigemoser S. 13) 1795 wurde er zum zweitenmal in Baumkirchen von Pfarrer Mutschele geprüft.

Um den Orgeltreter entbehren zu können, benutzte er die Wasserkraft des Fischbaches zum Aufziehen der Kirchenorgel. Die Zeitberichte über ihn lauten wenig günstig. Als er einst auf einem Almosengang einem Wallfahrerzug nach Birkenstein begegnete, hänselte er die Teilnehmer mit den Worten: „die Muttergottes ist auf einige Tage nach Brandenberg zu dem berühmten Bader, zum Einnehmen verreist.“ Das Landgericht erteilte ihm dafür einen strengen Verweis. Glaswinkler suchte auch seinen armseligen Speisezettel durch Wildbret zu bereichern. Als deshalb Haussuchung bei ihm stattfand, versteckte er seine Flinte unter dem Mantel des Gnadenbildes in der Kirche.

Schulinspektor Selmair von Aibling berichtet am 28.3.1802 über ihn:
Er hält Schule, aber nach der ältesten Lehrart, sein Vortrag ist überfüllt, undeutlich, ohne Verbindung, die Zucht nachlässig und parteiisch. Als Organist und Kantor in der Pfarrkirche dient er mehr zur Störung der Andacht und zum Ärgerniß, wegen seiner äußerst geringen musikalischen Kenntnisse und dem wirklich unausstehlichen Geschrei, womit er uralte und höchst verunstaltete Lieder zu singen pflegt. Vergeblich war man bestrebt ihn durch ein tauglicheres Subjekt zu ersetzen. Die Aufführung ist gut, doch ist sein Benehmen nicht selten trotzig, eigensinnig und von roher Art. Der Schulbesuch leidet durch die hohe Lage von Birkenstein, ebenso die pfarrliche Aufsicht. (Vorher wirkte er in Veit, bei Berg am Laim.) Als 1795 seine Schule geprüft werden sollte, konnte dies nicht geschehen, da der Eremit gerade im Wirtshaus war (Heigemoser S. 33 u. S. 69).

Ein weiterer Bericht Selmairs von 1803 lautet:
Birkenstein, diese Schule wird nie viel besucht, im vorigen Winter hörte sie ganz auf. Der Klausner, welcher hier lehren soll und schon fast 60 Jahre durchträumt hat, hat aber dazu keine Fähigkeit und keine Neigung. Es belohnt ihn die Wallfahrt, die hier seit einem halben Jahrhundert sorgfältig genährt wird, reichlicher als die kleine Schule. Er dient der Wallfahrt mit großem Eifer und ermuntert die leichtgläubigen Pilgrime zur Wiederholung der Besuche. Wieviel Gutes wird doch durch Wallfahrtsorte zerstört und gehindert. Die Schule kann leicht entbehrt werden. Von dem kleinen Pfarrbezirk Fischbachau könnten die Kinder leicht nach Elbach kommen, in diesem Sommer kamen von den 18 schulfähigen Kindern nur eines. Es sind aber gewiß diese 18 und noch weit jüngere Kinder in die Bruderschaft des allerheiligsten Rosenkranzes und de hochgeweihten Scapuliers in Fischbachau eingeschrieben. Zu Fischbachau wohnen 2 Benediktiner von Scheyern, oft drei und vier. Viele Mönche heucheln Anhänglichkeit an die Auswüchse der christlichen Religion oder der Aufklärung, je nach dem es ihre selbstsüchtigen Absichten erheischen.

Als Selmair am 23.1.1804 nach Birkenstein kam, hatte von den 8 Kindern jedes ein anderes Buch. Außer 2 Bänken und 2 Stühlen war sonst kein Schulapparat vorhanden. Die Dachung war so schlecht, dass es hereinregnete. (Kr.Arch. Ger. Li. Faß 136/119)

1804 mußte Glaswinkler die Eremitenkutte ausziehen, aber auch als weltlicher Lehrer war er gezwungen vor dem Eingang des Kirchleins zu stehen und mit der Kappe in der Hand, sein tägliches Brot zu erbetteln. (Kalender für kath. Christen von 1869 S. 59) Die Fassion von 1804 gibt folgendes Einkommen an: Vom Rentamt Miesbach 20 fl. für die ehemals vom Kloster Scheyern genossenen Naturalien Korn und Schmalz. Schulgeld 3 fl. Mesnerdienst in der Loretto Kapelle 12 fl. als Organist an beiden Kirchen 30 fl. Summa 65 fl.
Glaswinkler starb in Birkenstein am 21. Juni 1809, 60 Jahre alt. Die Schule hinterließ er in einem kläglichen Zustand.


Soweit die Abschrift aus der Chronik von 1928. Diese Berichte sind zwar nicht gerade schmeichelhaft für den Eremiten Bernhard Glaswinkler, aber aus heutiger Sicht regen sie eher zum Schmunzeln an, als zu einem Negativurteil. Aus den Berichten des Schulinspektors Selmair klingt auch unverholen der antiklerikale Zeitgeist der Säkularisation durch. Außer der herrlichen Lektüre war für mich die Erkenntnis wichtig, das Bernhard Glaswinkler in Elbach bei Tölz geboren wurde. Folglich musste es dort Namensträger und vielleicht eine Verbindung zu meinen Vorfahren in

Wielenbach und Apfeldorf geben.

Wallfahrtsort Birkenstein