Die Schriften des Franciskus Glaswinkler

Als Delegierter der Bayernpartei nahm ich 1950 an einer Versammlung im Hofbräuhaus in München teil, und trug mich dabei in eine Teilnehmerliste ein. Der Schongauer Delegierte Toni Saal wurde dabei auf meinen Namen aufmerksam, er erzählte mir, dass er für die Schongauer Gegend Heimatforschung betreibe und ihm die Schriften eines Franciskus Glaswinkler aus Apfeldorf bekannt seien. Diese befassten sich mit familien- und heimatkundlichen Themen und er, Toni Saal habe schon auszugsweise Texte aus den Schriften für seine eigenen Arbeiten verwendet. Ob es die Originalschriften noch gäbe und wo sie sich befänden, wisse er allerdings nicht. Zu dieser Zeit waren mir meine Apfeldorfer Vorfahren zwar bekannt, aber ich freute mich sehr darüber, dass einer von ihnen sich durch seine Schriften der Nachwelt überlieferte. Ein zweiter Zufall wollte es, dass durch einen Zeitungsartikel über das 125jährige Jubiläum unseres Betriebes in Aichach, Herr Oberlehrer Stork aus Augsburg auf unseren Namen aufmerksam wurde. Er schrieb mir im November 1951, dass sein Urgroßvater auch Glaswinkler hieß und aus Apfeldorf stammte. Es war jener Franciskus Glaswinkler, aus dessen Nachlass Herr Stork zwei Handschriften und ein Bild besaß. Das Originalbild ist leider verbrannt, aber es sind noch gute Reproduktionen vorhanden. Die Handschriften befanden sich nach dem Tod von Herrn Stork im Jahr 1960 im Besitz seiner Töchter und sind von Prof. Filser, Augsburg in den 80er Jahren bearbeitet worden.

Urkunden über verschiedene Gegenstände und Ereignüße.
aufgezeichnet von Franz Glaswinkler, Krämer zu Apfeldorf
MDCCCXVI I.Band

Vorrede und Ausdruck meines Vorhabens.

Von jeher war mir jede Gelegenheit, von frühern zeiten Begebenheiten erzählen zu hören, oder lesen zu können, sehr erwünscht und angenehm. Deßwegen entschloß ich mich schon öfters einsweilen meinen Nachfolgern auch etwas aus den Zeitumständen, inwelchen ich jetzt lebe, schriftlich aufzufaßen, um ihnen etwa damit manche Freude, deren ich gerne genoß, auch zu machen. Allein, Geschäfts-Umstände und schwache Vernunft machten mich oft wieder verzagt, etwas solches vorzunehmen. Jedoch faßte ich einmal Muth, die Sach ins Werk zu stellen, nach meinem Sinn und Verstand, so gut ich kann. Denket aber nicht, daß Ihr jetzt Hierin einen studierten Geschichts-Schreiber finden werdet; denket aber auch nicht, daß ich Euch in meinem Schreiben etwa mit Fabel-Werk oder Außschnützen, wohl gar für Euch etwas Untaugliches oder Schädliches anziehen möchte. Nein hierin würdet Ihr weit irren. Ihr müßt vielmehr denken, daß Ihr die Stimme eines gemeinen Manns, der es aufrichtig und redlich mit Euch meint, hört. Ihr dürft vielmehr glauben, daß meine Absicht keinen anderen Zweck gründet, das Euch verschiedene Zufälle und Begebenheiten von Jahr zu Jahr, solange mir Gott wird das Leben schenken, nicht nur zum Vergnügen und Unterhaltung, sondern auch zu Eurem Nutzen an Leib und Seele, aufzeichnen. Denn ich werde manches nach möglichstem Fleiße zu Eurem

Trost und Auferbauung zu erklären suchen. Ihr werdet vielleicht manches finden, das Ihr auf Eure Zeitumstände anwenden und vergleichen könnt.

Gott! Gerechter, Gütiger, Weiser Allmächtiger Herr Himmels und der Erde! Dir haben wir all unser Hab und Guth, unser ganzes Daseyn, zeitliches und ewiges Wohl zu verdanken! Segne mich, daß ich dieses Werklein, welches ich in Gottes Namen anfange, nach meinem bestgesinnten Willen zum Nutzen und Vergnügen für nachkommen zu Stande bringen möge! Schenket mir daher das Glück, mich nicht damit zu verachten, oder gar auszulachen. Sollte ich dann und wann Schreibfehler oder sonstige schlechte Ausdrücke darin bringen, so tadelt mich nicht so sehr und verzeiht es der einfachen Kunst eines unstudierten Kopfes. Ich werde nun in meinen Erzählungen anfangen, und zuerst das Herkommen meiner Eltern, wie auch das meinige von meiner Heiraths-Übernahme an bis auf das Heurige Jahr nur im Schatten ein wenig übergehen; sodann werde ich mit verschiedenen Erzählungen von verwichenen Jahren, soweit mich der Gedanke in das Vergangene zurückführt, auftretten; und endlich anfangen von Jahr zu Jahr alles Merkwürdige fleißig einzutragen. Meinet es gut mit mir, wie ich mit Euch; und wann ich werde gestorben seyn, so bettet für mich, wie auch ich für Euch betten werde.

Das Herkommen meiner Eltern
von der Heimaths-Übernahm
Rede ueber vergangene Zeiten meines Gedenkens

Meine Eltern, welche bereits noch beide bey Leben sind, stammen von gar armen Leuten her, der Vater von Wielenbach, die Mutter von Pähl gebürtig. Sonderbar hat der Vater schon öfter erzählt, dass er seine Mutter frühzeitig verloren, von seinem Vater wenig geachtet wurde, mit 9 Jahren zum Schafe hüten fortgekommen, und so fort den Bauern gedient habe. Er denkt auch von seinen Jugendjahren, die noch sovielfältig besagte theure Zeit, welche wegen Miswachs 3 Jahre gedauert und der Mangel an Getreide so groß wurde, daß man beynahe um theures und baares Geld in allen Schrannen nichts mehr bekommen konnte. Entgegen waren aber alle anderen Lebensmittel, das Schmalz, Eier, Fleisch u.g.gl. wohlfeil. Die Mutter hat von ihren Eltern das Kreuzl- und geistl. Waarenmachen gelernt, und es schon leediger Weise einige Zeit für sich betrieben. Da sie nun beide zu Pähl sich aufhielten, wurden sie bekannt und versprachen einander das Heyrathen. Es geschah, daß dahier in Rauchenlechsberg das kleine Häusl, welches am Fuß des Berges stand, feil wurde, und sie es kauften um 120 fl., um sich allda mit Kreuzlmacherey zu ernähren. Alldort waren sie 4 Jahre, verkauften das Häusl an die Mutters Schwester, welche einen Schneider heurathete, und kauften dahier im Oberdorf ein geräumigeres Haus samt einem schönen Haus- und Obstgarten. Haus Nr. 28. Allda befanden sie sich 16 Jahre, erzeugten 11 Kinder, wovon jedoch nur 6 bey Leben geblieben. Als Josepha, Franciskus, Josef Anton, Johannes, Peter Paul, und Franz Josef. Sie hatten sich damals so ziemlich gut fortgebracht, indem Sie mit Ihren geistl. Waaren, Kreuzl und Rosenkränzen u.d.gl. bey damaligen Klosterszeiten guten Verschleiß machten. Nun geschah, daß im Jahre 1799 eine heftige hitzige Krankheit dahier mehrere Leute wegraffte, und eben in meinem jetzigen Haus Nr. 69 alles, bis auf 3 unerwachsene Kinder ausstarb, und das Haus ein ganzes Jahr leer stund, bis endlich Ano 1800 dasselbe Obrigkeitlich per Licitando verkauft wurde. Da mein Vater gute Freunde gefunden, die ihn zu unterstützen versprachen, so kaufte er diese Sölde samt Kramers-Gerechtigkeit, und aller Zugehör. Ungeachtet der guten Unterstützung, mußte aber er, um dieses Anwesen anzutreten, und sich auf die Kramerei etwas einzurichten, schwere Zinsgelder auf sich laden, welche nicht so leicht mehr zu erschwingen waren, daß alle 6 Kinder fast noch keines zur Arbeit fähig, nur zu verhalten aufeinander da waren. Harte Zeiten, Kriegsjahre, fielen darauf ein, und noch dazu wurden in ganz Bayern die Klöster aufgehoben welches dem Verschleiß Ihrer Waaren fast einen gänzlichen Umsturz drohte. Es blieb daher immer ein schwerer Block liegen, welches auch ich noch hart empfunden, als ich die Heymath übernommen hatte.

Tod meiner Mutter

Die Mutter starb nach einer langwierigen Kränklichkeit in Ihrem 63sten Jahre. Nachdem sie schon länger liegerhaft war, traf sie am 19. Juny 1819 ein Schlag, und konnte nicht mehr reden, auch auf der rechten Seite keine Bewegung mehr machen. So litt sie 3 Täg und Nächt, bis sie endlich der Herr am 22. Juny

auflöste, und aus unserer Mitte verschied. Am St.Johannis Tag wurde sie feierlich zur Erde bestättiget. Gott tröste Sie! für alle Ihre Mühe, die Sie an ihren 6 hinterlassenen Kindern jederzeit mit größter Sorgfalt anwendete. Wir danken ihr unvergeßlich dafür und wünschen ihr die ewige Ruhe.

Tod meines Vaters

Am 23. August 1824 starb der Vater in seinem 70. Lebensjahre mit allen Heil. Sterbesakramenten versehen. Er mußte sein sonst immer gesundes Leben in einem sehr harten und hilflosen Zustand enden. Er bekam nämlich am Halse den fressenden Kreps (Gott bewahre uns vor ähnlichen Übeln) und ohne alle anreichende Hilfe mußte er seit 2 Jahren (besonders aber in den letzten 8 Monaten sehr vieles leiden, und gab uns 6 hinterlassenen Kindern ein großes Muster des Geduld und Ausharrung im Leiden. Gott! der Allgütige belohne ihn mit der Krone der Leidenden, und vergelte ihm ewig, die Sorgfalt und schwersten Bemühungen, mit der er uns hinterlassene Kinder nicht nur christlich, sondern soweit zu erziehen keine Anstrengung in verschiedenen harten und bedrängten Zeiten achtete, so daß jedes in Stand gesetzt wurde, sein Brod und Fortkommen in der Welt ehrlich suchen zu können. Gott! gebe ihm für alle Wohltaten die ewige Ruhe, wir aber den ewigen Dank.

Von der Heymaths-Uebernahm

Im Jahre 1808 übernahm ich das Anwesen von meinem Vater um Rechtspektierte Uebergabs-Summe von 2013 fl. Ein schweres Joch, welches ich noch immer hart empfinde. Ich heurathete die Landkramers-Tochter Josepha Straubin von Hofstädten. Sie war nach ihren schon versorgten 2 Stiefgeschwistern die einzige Tochter ihrer verstorbenen Eltern. Sie brachte mir nebst einem schönen Vermögen die eingerichtete Handlung samt aller Anrichtungen, auf die Märkte ziehen zu können, zu. Wir hielten daher seitdem ein eigenes Pferd und besuchten die Märkte in Oberbaiern nebst der Kramerei zu Hause, als Landsberg, Dießen, Hl. Berg, Wolfrathshausen, Weilheim, Polling, Tölz, Murnau, Partenkirchen und Garmisch, auch Ammergau, Rottenbuch, Steingaden und Schongau. Als wir später zu Hause ein besseres Gewerbe erhielten, und die Märkte ohnehin theils wegen schlechten Zeiten, theils wegen allzu uebertriebenen Handelsleuten immer schlechter wurden, ließen wir von den weiteren einige ganz aus.

Verheurathung meiner Schwester Josepha

Noch vor dem Tode der Mutter verheurathete sich die Schwester Josepha mit dem verwitibten Schreinermeister Joh. Martin Ortlieb. Sie brachte ihm nebst einer beträchtlichen Ausfertigung, 350 fl. Heurathsgut zu, wo Sie 150 fl. selbst ersparte, die übrigen 200 fl. ich ihr geben mußte. Sie verheurathete 4 Stiefkinder, und war die Vermählung am Montag nach Hl. 3 König 1819.
NB. 1821 brannten zu St. Leonhard einem kleinen Markte bey Aicha 60 bis 70 Häuser ab.


Soweit der mir zur Verfügung stehende Auszug aus den Schriften des Franciskus Glaswinkler. Die nüchternen Daten über Geburt, Verheiratung und Tod, welche meistens das einzige ist, was man über die Vorfahren ermitteln kann, bekommen durch seinen Bericht erst Farbe und Leben. Leider machte Franciskus Glaswinkler keine Angaben über die Herkunft seiner Großeltern.

Sein Großvater Peter Glaswinkler und dessen Frau Afra lebten in Wielenbach bei Weilheim. Auch deren 5 Kinder sind in Wielenbach geboren. Über den Tod von Afra Glaswinkler obstetrix (Hebamme) sagen die Kirchenbücher in Marnbach folgendes aus:

1767 den 22. August starb Afra Glaswinklerin von Wielenbach, eine

Frau von bestem Ruf, welche nach Marnbach kam um Almosen zu sammeln. Kaum als sie aus dem Friedhof herausgegangen war, wurde sie plötzlich, wie man glaubt, vom Schlag gerührt und nachdem sie die Stebesakramente empfangen und mit dem hl. Öl gesalbt war, wurde ihr Leichnam anderen Tags in Marnbach bestattet, durch R.D. Albertus von Wilhelm c.x. vom Kloster Polling und Vikar von Wilzhoven.
übersetzt aus dem Lateinischen von Pfr. Anton Schärfl, Marnbach b. Weilheim am 4. Jan. 1947.
Leider fehlen im Kirchenbuch von Weilheim Angaben über den Geburtsort und den Heiratsort von Peter und Afra Glaswinkler. Somit fehlte mir die Möglichkeit weiterer Nachforschung und so kamen meine Arbeiten an diesem Punkt zum Stocken.

Franciskus Glaswinkler

Franciskus Glaswinkler geb. 23.2.1788 in Apfeldorf bei Schongau